Welt zu Gast in Hamburg I

Grüß Gott!

Es ist soweit: Der Fussball-Wahnsinn ist höchst offiziell und unter Polizeischutz gelandet. Letzten Freitag war die Hölle los, jedenfalls in der Hamburger Innenstadt.

Gesperrte Straßen, umgeleitete Passantenströme, Herrschaaren von Polizisten in blauer Uniform, von denen nicht weniger als Vierzig Stück eine einzige Straßenecke belagerten.
Insgesamt waren vermutlich mehr Polizisten als Fußgänger in der Mönckebergstraße unterwegs, und wer das Pech hatte, gerade an diesem Nachmittag gemütlich bummeln gehen zu wollen, musste sich damit abfinden, Umwege von knapp zehn Minuten in Kauf zu nehmen, bevor er einen freien Eingang zum Kaufhof fand.

Grund für dieses Aufgebot war weder der Papst, noch ein Staatsbesuch oder etwa ein Wiedervereinigungskonzert der Beatles, sondern die Ankunft der amerikanischen Fußballnationalmannschaft im Hyatt Hotel im Herzen der Stadt.

Die Frage, weshalb die Amerikaner ausgerechnet in der Stadt untergebracht worden sind, deren größter Exportschlager nach einschlägiger Amerikanischer Meinung Top-Terroristen von der Technischen Universität Harburg ist, sei ebenso dahingestellt, wie die Frage, welchen Nutzen ein Anschlag auf ein Fußballteam hätte. Die Amerikaner haben Angst und das sei ihnen gegönnt.

Dass sich der wahre Terror und der niederträchtige Anschlag auf Amerikas Seele an diesem Tag aber ausgerechnet bei McDonald’s abspielte, das ist von ganz anderem Interesse.
Da die Straße hin zu meinem Lieblingsasiaten von einer Polizeimacht gesperrt worden war, die jeden Castor-Protestler beeindruckt hätte, wich ich für meine Mittagspause zu den goldenen Bögen amerikanischer Freiheit aus. Jenem Zentrum des Fast Food, dessen Preisgestaltung, jedenfalls in den Staaten, für das leibliche Rundumwohl jeden Durchschnittsburgers sorgt.

Vor mir stand eine Gruppe von sieben Amerikanern, denen im Vorfelde niemand mitgeteilt hatte, dass der Preisunterschied zwischen einem amerikanischen McDonald’s und dem McDonald’s einer Deutschen Innenstadt vermutlich 3000 Prozent beträgt und die dementsprechend fröhlich ein halbes Dutzend Menüs, etliche Colas, Shakes, und Pommes bestellte, dazu ein paar Extra Chicken McNuggets und Cheeseburger und Big Mäc und am Ende kam die stattliche Summe von 92,60 Euro heraus. Die Männer wären vermutlich günstiger weggekommen, wenn sie für ihren Snack kurz nach Hause geflogen wären.

Es entstand eine Riesendiskussion, die vornehmlich darauf hinauslief, dass die Männer nicht einsahen, für ihr Essen mehr Geld zu bezahlen als für ein Auto, und die Frau an der Kasse, die ohnehin Sprachprobleme hatte, wollte nicht einsehen, wieso sie ihr Essen günstiger verkaufen sollte. Man pöbelte, erklärte, fluchte und zankte, und schließlich gaben die Amerikaner klein bei und stornierten über die Hälfte ihrer Bestellung.

Draußen erklangen mittlerweile Trillerpfeifen, vermutlich von Globalisierungsgegnern, ein Protest, der im Zuge einer Fußball-Weltmeisterschaft einen seltsamen Unterton gewinnt.
Ich genoss meine große Portion Pommes und meinen Cheeseburger zum mitnehmen und ging ins Büro zurück – natürlich mit einem Umweg von zwanzig Minuten, denn der kürzeste Weg war von einem Panzerwagen der Polizei gesperrt worden.

Und während ich den salzigen Geschmack der Freiheit und Demokratie genoss, und eine Handvoll Sportler von einer Armee beschützt wurde und sieben Amerikaner den Anschlag auf das amerikanische Wirtschaftssystem verfluchten, ausgerechnet dort, wo die Welt noch nach zu Hause schmeckt, wurde mir bewusst: Terror ist vielfältig.

Lasst die Spiele beginnen.

6.6.06 12:51

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