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Pssst!

Grüß Gott!

Ja, Harald Schmidt geht wieder auf Sendung. Jener "Lehrer der Generation Golf", wie Florian Illies schreibt, flüstert wieder in seiner legendären Rateshow. Das allein ist Beweis genug, dass die Generation Golf abgemeldet ist. Bei den Plattenbossen, den Musikern, und dem neuen deutschen Textverständnis. Denn ein kurzer Blick auf die Deutsche Popmusik dieses Jahres zeigt schnell: Mit "Pssst!" holt man kein Platin und keine Media Control Platzierung mehr.

Offenbar hat sich bei den Jugendlichen noch nicht rumgesprochen, dass sie bei den meisten Mitbürgern über 25 als ohnehin störendes Lärmelement wahrgenommen werden. Das irrige Gefühl, viel zu leise, viel zu angepasst zu sein, hat sich breitgemacht in deutschen Jugendzimmern, und den Herzen junger Mp3-Aufdreher.

"Schrei! (So laut du kannst)", betitelten Tokio Hotel ihr erstes Album, und traten damit eine nicht zu übersehende Erfolgswelle los. "Schrei, bis du du selbst bist!", johlt Frontmann Bill dazu ins Mikrophon. Den Teenies gefällts. Und: Lärm wurde Konzept.

"Laut gedacht", titelten Silbermond ihr zweites Album, was die Hoffnung weckt, dass überhaupt noch jemand denkt, dicht gefolgt vom Album "Muss laut sein" der noch nicht ganz so runtergnudelten Band 'Großstadtgeflüster'. (Welch Oxymoron...)

Schließlich zog Christina Stürmer nach, die mit ihrem zweiten Album "Lebe Lauter" auf mittlerweile ohrenbetäubend ausgetretenen Pfaden wandelt. "Lebe Lauter! Leb nur so wie du es willst", fordert sie dort Teenager mit Minderwertigkeitskomplexen zur Ruhestörung auf.

Nun steckt hinter all dem vermutlich nicht nur Kalkül der Plattenbosse, sondern tatsächlich eine Aussage findiger Songschreiber, welche die Metapher "Laut=Selbstbewusst" solange reiten werden, bis sie tot in den Staub kippt.

Mir aber wird bewusst, dass ich längst nicht mehr dazugehöre, dass ich meine Lautheit an den Boxen der Technoclubs der frühen Neunziger verloren habe, und mittlerweile einer Generation angehöre, die still und leise in der Garage herumrostet wie unser erster Golf. Und dass ich mich wahnsinnig freue, Harald Schmidt bald wieder mit einer seiner feinsten Sendungen im Fernsehen genießen zu können. Jedenfalls, wenn der Teenager über mir endlich mal seine Stereoanlage runterdreht, und nicht mehr ganz so laut lebt.

Also, liebe Teenies, die ihr meint, euch nicht anpassen zu müssen, tut einem alten, schwerhörigen Sack um die dreißig einen Gefallen, ja?

Pssst!

1 Kommentar 15.12.06 13:40, kommentieren